Acheiropoieton – Das „nicht von Händen gemachte Abbild“ und sein Zusammenhang mit dem Turiner Grabtuch

Warum sehen Christusbilder überall gleich aus?

Christ Pantocrator (Monastery of Saint Catherine, Sinai, 6th century)

Christ Pantocrator (Monastery of Saint Catherine, Sinai, 6th century)

Christusdarstellungen folgen seit Jahrhunderten einem nahezu identischen Muster:

  • langes Haar mit Mittelscheitel
  • Vollbart
  • schmale, lange Nase
  • ernster, frontal gerichteter Blick

Ob Ikone, Mosaik oder Gemälde – das Christusbild ist standardisiert.

Doch woher stammt dieses einheitliche Erscheinungsbild?
Und gibt es eine Verbindung zwischen dem Acheiropoieton, dem Mandylion von Edessa und dem Turiner Grabtuch?

Frühe Jesusdarstellungen in Rom: Kein einheitliches Gesicht

Römische Katakomben

Römische Katakomben

Jesus as Orpheus

Jesus als Orpheus

Jesus as the Good Shepherd

Jesus als guter Hirte

In den römischen Katakomben (2.–3. Jahrhundert) erscheinen frühe Darstellungen Jesu meist symbolisch,

ein festgelegtes Porträt existiert nicht.

 

Erst nach der konstantinischen Wende (ab 313 n. Chr.) – mit dem Ende der Christenverfolgung – erscheinen in Rom erstmals bärtige, frontal dargestellte Christusbilder, die dem später bekannten Typus ähneln

.

Ab dem späten 4. Jahrhundert setzt sich ein einheitlicher Bildtyp durch.

 

Die entscheidende Frage lautet:
Woher kam dieses plötzliche, normierte Christusantlitz?

Das Mandyllion von Edessa

Ein zentraler Schlüsselbegriff ist das Mandylion von Edessa, auch bekannt als das Bild von Edessa.

 

Laut dem Kirchenhistoriker Eusebius (4. Jahrhundert) schrieb König Abgar V. von Edessa (heute Şanlıurfa in der Türkei) an Jesus und bat ihn um Heilung. Spätere Quellen – insbesondere die Doctrina Addai – berichten, dass ein Bild Jesu nach Edessa gelangte.

 

In späterer Überlieferung wird dieses Bild nicht als Gemälde beschrieben, sondern als wundersam entstandenes Abbild des Antlitzes Jesu.

 

Dafür setzte sich der griechische Begriff durch:

Acheiropoieton – Bedeutung und Herkunftgin

Ein Acheiropoieton bezeichnet ein Bild, das nicht gemalt wurde, sondern auf übernatürliche Weise entstand.

 

Eine Predigt aus dem Jahr 944 – gehalten bei der Überführung des Tuches nach Konstantinopel – beschreibt das Bild als kein gewöhnliches Gemälde, sondern durch den „Schweiß des Angesichts“ Jesu geprägt. Das wäre eine grobe Beschreibung der Charakteristiken des Abbildes auf dem Turiner Grabtuch. 

 

Das Tuch soll:

  • im 1. Jahrhundert nach Edessa gelangt sein
  • in der Stadtmauer verborgen worden sein
  • im Jahr 525 wiederentdeckt worden sein

Nach seiner Wiederauffindung entwickelte sich das Mandylion zur wichtigsten Christusikone im Byzantinischen Reich.

Übergabe an Abgar, Ikone 10. Jh.

Übergabe an Abgar, Ikone 10. Jh.

Wiederentdeckung des Tuchs in der Stadtmauer

Wiederentdeckung des Tuchs in der Stadtmauer 

Typische Abb. Mandyllion, Kreml 12. Jh.

            Typische Abb. Mandyllion, Kreml 12. Jh. 

Nach 525 lässt sich eine deutliche Normierung des Christusbildes im Osten erkennen:

  • strenge Frontalität
  • identische Haar- und Bartform
  • charakteristische Gesichtsproportionen

Das Mandylion galt als authentisches Urbild Christi – nicht als künstlerische Interpretation.

Es wurde zur maßgeblichen Vorlage für Ikonen und Mosaiken. 

 

Besonders gut kann man diese Normierung anhand der Mosaiken in Ravenna sehen:

Ravenna: Jesus before 525

 

Ravenna: Jesus vor 525

   

Ravenna: Christ nach 544

Überführung des Mandyllion nach Konstantinopel (944)

Da die Muslime Edessa einnahmen, musste das Mandyllion nach Konstantinopel gebracht werden.

Als es dort aus dem Rahmen genommen wurde, stellte man fest, dass es sich um zusammengefaltetes, langes Tuch handelt mit dem Abbild eines gekreuzigten Mannes. 

Ankunft des Tuches in Konstantinopel - Madrider Bilderhandschrift des Skylitzes, 12. Jh.

Ankunft des Tuches in Konstantinopel - Madrider Bilderhandschrift des Skylitzes, 12. Jh.

1204 – während des 4. Kreuzzugs – wurde Konstantinopel von den Kreuzrittern geplündert und auch das Tuch verschwand. Das als Turiner Grabtuch bekannte Leinen tauchte zum erst Mal ca. 1355 in Lirey (Frankreich) auf. Es gehörte zu dieser Zeit der Familie des Ritters Geoffroy de Charney und wurde dort in der von ihm gegründeten Stiftskirche ausgestellt.  

Handelt es sich dabei um das 149 Jahre zuvor von Rittern geraubte Grabtuch von Konstantinopel? Dagegen spricht die Radiokarbondatierung. Dafür sprechen die vielen Details, die für die Echtheit sprechen, insbesondere die Übereinstimmung der Merkmale mit der Passionsgeschichte von Jesus.  

Zwischen dem normierten byzantinischen Christusbild und dem Antlitz auf dem Turiner Grabtuch bestehen auffällige Übereinstimmungen:

  • Haartracht mit Mittelscheitel
  • asymmetrische Gesichtszüge
  • Bartform
  • lange Nase
  • besondere Proportionen

Als weitere Indizien werden u.a. diskutiert: 

Das Gerokreuz im Kölner Dom (Ende 10. Jahrhunderts). Das Kreuz ist entstanden nach einer Reise des Kölner Erzbischofs nach Konstantinopel. Auffällig ist die unnatürliche Haltung der Daumen analog zum Abbild auf dem Turiner Grabtuch.

Codex Pray (c) STERA

Gero Kreuz in Köln

Gero Kreuz in Köln

Der Codex Pray (12. Jahrhundert). Er entstand nach der Reise einer ungarischen Gesandtschaft nach Konstantinopel und zeigt die Grablegung Christi mit dem Grabtuch. Auf diesem befinden sich vier L-formige angeordnete kleine Kreise. Auf dem Turiner Grabtuch finden sich an der gleichen Stelle 4 alte Brandflecken, die in gleicher Weise angeordnet sind. Der Körper ist vollständig nackt (unüblich) und die Daumen sind ebenfalls nicht sichtbar.   

 

Wenn sich tatsächlich zeigen sollte, dass das Bild des Grabtuchs die Darstellung Jesu über Jahrhunderte hinweg geprägt hat, dann wäre das mehr als nur eine kunsthistorische Kuriosität.
 

Es würde bedeuten, dass dieses Tuch die christliche Tradition möglicherweise stärker beeinflusst hat, als lange angenommen wurde.

 

Doch die entscheidende Frage reicht noch weiter:
Was würde es für unseren Glauben und unser Verständnis der christlichen Geschichte bedeuten, wenn die Spuren auf dem Grabtuch tatsächlich auf einen lebenden Körper hinweisen?

Weiter zu den theologischen Konsequenzen  

Der vierte Weckruf

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