Wie entstand das Bild auf dem Turiner Grabtuch?

Fast fünf Jahrzehnte nach der Untersuchung durch STURP gibt es bis heute keine allgemein akzeptierte Erklärung für die Entstehung des Abbildes auf dem Turiner Grabtuch.

Für Skeptiker liegt die Schlussfolgerung nahe: 

Wenn die Bildentstehung nicht erklärbar ist, muss sie von Menschenhand stammen. Die Radiokarbondatierung ins Mittelalter scheint dieses Bild zu stützen.

Für gläubige Interpreten gilt das Gegenteil:

Gerade weil das Abbild wissenschaftlich nicht erklärbar ist, müsse es übernatürlich entstanden sein, als Jesus auferstanden ist (Energieentladung).

Beide Positionen greifen zu kurz.

Energie-Hypothesen: Laser, Strahlung, „Auferstehungsblitz“

Unter Echtheitsbefürwortern besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass das Bild mit einer Form von Energie in Verbindung stehen könnte. Dafür sprechen zwei Besonderheiten:

  • Die hohe Auflösung des Bildes
  • Die sogenannte 3-D-Information

Je geringer der Abstand zwischen Körper und Tuch war, desto dunkler erscheint das Abbild an dieser Stelle – bis es bei etwa fünf Zentimetern Abstand verblasst. Aus diesen Intensitätsunterschieden lässt sich per Computer ein 3-D-Relief berechnen.

3-D-Bild  © STERA

3-D-Bild  © STERA

Der italienische Physiker Paolo Di Lazzaro von ENEA zeigte in Experimenten, dass ein extrem kurzer, hochintensiver Laserimpuls eine oberflächliche Verfärbung von Leinen erzeugen kann, die dem Grabtuch ähnelt.

 

Doch diese Hypothese wirft erhebliche Probleme auf:

  • Nur einzelne Fasern tragen die Bildsubstanz, direkt benachbarte oft nicht.
  • Eine Leiche kann keine enorme Energiemenge abstrahlen.
  • Hochenergetische Strahlung müsste typische Mikroschäden im Innern der Fasern hinterlassen.

Letzteres war für den Chemiker Raymond N. Rogers entscheidend

Raymond Rogers: Warum Strahlung ausscheidet

Rogers untersuchte Bild- und Nichtbildfasern mikroskopisch. Sein Befund:

  • Die Bildsubstanz liegt nur auf der Oberfläche der Fasern.
  • Das Faserinnere ist unbeschädigt.
  • Es gibt keine Hinweise auf thermische oder elektromagnetische Hochenergieeinwirkung.

Er stellte fest:

Strahlung energiereicher als grünes Licht würde erkennbare Mikroschäden verursachen. Diese fehlen.

Sein Schluss war eindeutig:

Das Bild kann nicht durch hochenergetische Strahlung entstanden sein.

Zudem befindet sich die Bildsubstanz rund um die einzelne Faser, also auch auf der vom Körper abgewandten Seite. Auch dies widerspricht einem gerichteten Energieimpuls.

Im Bildbereich tragen nur einzelne Fasern die Bildsubstanz. Benachbarte Fasern haben häufig die Bildsubstanz nicht auf ihrer Oberfläche. Auch dies spricht gegen eine Strahlungseinwirkung, da dann alle Fasern gleichmäßig gefärbt sein müssten.

Detailaufnahme des Stoffes    © STERA  Die Bildsubstanz befindet sich immer nur auf einzelnen Faser

Detailaufnahme des Stoffes  © STERA.   Die Bildsubstanz befindet sich immer nur auf einzelnen Faser

Rogers’ milde Reaktionshypothese

Nach jahrelanger Analyse kam Rogers zu einem anderen Modell:

Das Abbild sei unter milden Bedingungen bei Raumtemperatur entstanden – durch einen chemischen Prozess, der Zeit benötigte.

Er beobachtete, dass Leinenfasern von einer dünnen Kohlenhydratschicht umgeben sind, vermutlich Stärkerückstände aus der antiken Leinenherstellung. Diese Schicht ist auf Bildfasern teilweise gelblich verfärbt.

Seine Hypothese:

Gase aus dem Körper – etwa durch beginnende Verwesung, Schweiß oder Salben – reagierten mit dieser Kohlenhydratschicht. Unterschiedliche Gaskonzentrationen könnten die Helligkeitsabstufungen erzeugt haben.

"Continuos yellow": Detailaufnahme einer einzelnen Bildfaser. Die "Farbsubstanz" sind die hellgelben Verfärbungen  © STERA

"Continuos yellow": Detailaufnahme einer einzelnen Bildfaser. Die "Farbsubstanz" sind die hellgelben Verfärbungen  © STERA

Ein Einwand bleibt

Der geringe Abstand zwischen Körper und Tuch hätte zu einer relativ gleichmäßigen Gaskonzentration geführt. Man würde eher einen diffusen Fleck erwarten als ein hochaufgelöstes Abbild.

Rogers räumte ein, dass weitere – noch unbekannte – Faktoren eine Rolle gespielt haben müssen..

Körperwärme als möglicher Faktor

Ein lebender Körper strahlt kontinuierlich Wärme ab (Infrarotstrahlung). Die Temperatur nimmt daher mit zunehmendem Abstand ab. Chemische Reaktionen laufen um so schneller ab, je höher die Temperatur ist.

Wenn das Grabtuch zeitweise über einem warmen Körper lag, könnte folgendes gelten:

  • Je näher das Tuch am Körper, desto höher die Temperatur an dieser Stelle
  • Je höher die Temperatur, desto schneller der chemische Prozess, desto stärker die chemische Verfärbung

Daraus ergibt sich ein Intensitätsgradient – exakt das, was auf dem Grabtuch beobachtet wird

Bereits in den 1980er Jahren demonstrierte Rodney Hoare experimentell, dass ein lebender Körper auf ein darübergelegtes Tuch ein Wärmebild projiziert, welches dem Abbild auf den Grabtuch ähnelt.

Auch das Rückenbild ist damit erklärbar:

Nicht nur der Abstand, sondern lokale Temperaturunterschiede – etwa durch Entzündungen oder Wunden – beeinflussen die Reaktionsstärke. Verletzte Bereiche können wärmer sein als unverletzte (Fieber).

Diese Überlegung würde jedoch eine radikale Konsequenz nahelegen:

Das Abbild wäre nicht von einem toten, sondern von einem lebenden Körper ausgegangen.

Ist ein Paradigmenwechsel notwendig?

Die Daten sprechen. Die Konsequenzen sind brisant.

Der Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn prägte 1962 den Begriff des „Paradigmenwechsels“: Wissenschaft operiert demnach innerhalb bestimmter Grundannahmen. Sind Beobachtungen nicht erklärbar, wird zunächst die Hypothese angepasst – nicht das Paradigma selbst.

Ein toter Körper als Ausgangspunkt gilt bisher als unhinterfragte Prämisse der Grabtuchforschung.

Doch wenn Hypothesen innerhalb dieses Rahmens scheitern, stellt sich eine sachliche Frage:

Ist möglicherweise die Grundannahme falsch?

Die Annahme eines lebenden Körpers würde einen fundamentalen Paradigmenwechsel bedeuten. Eine solche Hypothese muss sich selbstverständlich an allen übrigen Indizien messen lassen – insbesondere an den gerichtsmedizinischen Befunden

.Und genau hier beginnen die überraschendsten Beobachtungen..

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